Hierzu aufstehen, einschlafen und tanzen gehen und dem müden September auf Wiedersehen sagen.

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Ich eilte die Treppenstufen in die Eingangshalle hinunter. S. blieb neben mir zurück, saß auf der Rolltreppe fest, eingesperrt hinter einem breitschultrigen Mann mit schwarzem Aktenkoffer – der in meiner Erinnerung aber auch durch eine dreiköpfige Touristentruppe aus China oder Japan ersetzt werden könnte. Denn ganz genau weiß ich das nicht mehr, meine Erinnerung ist kein konkretes Bild, das solltest du wissen.

Was ich weiß ist, dass ich mit zehn bis fünfzehn Sekunden Vorsprung als Erster auf dem grauen Steinboden angekommen war. Zehn bis fünfzehn Sekunden, die mir die Chance gaben mich in der Eingangshalle des Hauptbahnhofs umzusehen. Über uns: Geschäfte, Laden, Schnellimbisse und ein paar Leute, die mit dem Armen übers Geländer gelehnt, zu uns nach unten schauten. Links von mir hatten die Menschen ihre Köpfe in den Nacken gelegt und versuchten auf einer großflächigen schwarzen Anzeigetafel für ankommende Züge, die Buchstaben zu entziffern, die ihnen den Weg nach Hause weisen würden. In der Nähe des Haupteingangs standen zwei Sicherheitsbeamte, wirkten müde, hatten die Lage im Blick. Ansonsten, kaum Menschen. Hier und da Infotafeln, vielleicht ein paar Vorbeieilende mit Rollkoffern und lockersitzenden Krawatten, aber vor allen Dingen war da ich. Vor der Freitreppe. Direkt hinter mir vielleicht drei, vier Menschen. Vor mir so gut wie niemand. Ich beschrieb mit den Füßen einen Bogen, wollte zu der Rolltreppe rechts von uns gelangen, die mich und S. nach unten, zu den Zügen, zum Gleis Zwei bringen sollte.

Als die Hälfte meiner Zeit verstrichen war, fiel mir das Mädchen auf.

Würde man erste Eindrücke in Nummern einteilen, wäre sie keine Zehn und auch keine Neun, aber eine Sieben, die in diesem einen Moment wie eine Zehn aussah. Sie wartete neben mir am Fußende der Rolltreppe, die von oben kam – wobei wartete etwas beschreibt, das mir eigentlich erst ein paar Augenblicke später klar wurde. Im Grunde stand sie nur da, mit einer Umhängetasche an der Seite und einer weiß-blauen Bluse oder einem Kleid, so genau kann ich das nicht mehr sagen, den Blick auf den Haupteingang gerichtet. Sie trug eine Brille, hatte braunes Haar und Locken. Als Dutt oder Offen? Ich bin mir nicht mehr sicher. Vielleicht trug sie ihre Haare mit einem Zopfgummi zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden – auch wenn das eigentlich nicht sein kann, denn ich würde einen Zehner darauf setzen, dass ihre Locken ihr Gesicht umrahmten wie ein Holzrahmen einen Monet. Und ja, ich weiß, du nimmst mir diesen Vergleich übel, weil er schwach, unverhältnismässig und nachträglich aus der Luft gegriffen ist. Doch Tatsache ist, dass ich das Bild des Mädchen, nicht mehr klar vor Augen habe und dass ich das, was mir meine Erinnerung erhalten hat, nur wage beschreiben kann – ganz so, wie man einen Monet nicht ganz fassen, ihn beim Worte nehmen und seiner Geschichte glauben kann.

Wenn ich an das Mädchen aus der Bahnhofshalle denke, denke ich an die Bewegung meiner Füße, die sie beschrieben, als ich sie sah – den Bogen, den ich ging, um zur Rolltreppe zu gelangen. Vermutlich tat ich in dem Moment nicht viel, außer meine Füße weiter in Richtung Rolltreppe zu bewegen und mir in meinem Kopf über die Eigentümlichkeit des Moments bewusst zu werden. Und was mir am eindringlichsten in Erinnerung geblieben ist, und sicher kennst du diese Bewegung, ist das Langsamer-Werden beim Erreichen der Rolltreppe, das Tasten der Füße nach Halt, bevor man die sich bewegende Plattform betritt und von einem Augenblick auf den anderen dazu gezwungen ist innezuhalten. Es war ziemlich genau drei, vier Sekunden vorher, dass mich das Mädchen am Fuße der Rolltreppe ebenfalls bemerkt haben musste, mich ansah, die Schultern zuckte und breit lächelte.

Sie zog die Schultern hoch und warf die Arme in die Luft wie jemand, der sich entschuldigen möchte oder wie jemand, der sich nicht sicher ist, ob er der Einzige ist, der die Komik des Momentes erkannt hat und beschließt durch ein Lächeln auf den Lippen nachzufragen. Ich erinnere mich an keinerlei Geräusche mehr – vielleicht, weil Bahnhöfe es an sich haben, mit ihrer Geräuschkulisse aus quietschenden Zügen, Lautsprecherdurchsagen und wilden Gesprächen aus allen Seiten, das ein oder andere zu übertonen. Doch es mag auch an dem lautem Wirrwarr meiner eigenen Gedanken liegen, dass sich das ganze lautlos zugetragen haben scheint. Das Mädchen sah mich an und ich sah sie an und ich muss wohl verwirrt ausgesehen haben, mindestens zögerlich, den eine impulsive Reaktion meinerseits, blieb aus – was ich bis heute nicht verstehe. Das Lächeln, das uns verband, war eins vom Ende einer Rolltreppe zum Anfang einer Rolltreppe. Es war ein freundschaftliches Lächeln und in gewisser Weise nicht nur liebevoll, sondern – so viel rede ich mir ein – etwas, das echter Liebe ziemlich nahe kommen muss und das gleichzeitig – und dessen bin ich mir wieder sicher – jedoch gar nicht an mich gerichtet war, sondern stattdessen auf etwas abgezielt hat, von dem ich bis heute keine Ahnung habe, was es gewesen sein könnte. Was, natürlich, durch und durch verrückt klingt.

Und du wirst dich fragen, wie man von einem fremden Mädchen in der Eingangshalle schulterzuckend angelacht werden und dass dann Liebe nennen kann? Ich werde dir auf diese Frage keine Antwort geben können, die dich ohne Zweifel zurück lässt, aber ich werde dennoch versuchen, dir das zu erklären, was mir in diesem Augenblick von weniger als einer Zehntelsekunde klar wurde. Erstens: Ich konnte mich nicht daran erinnern, jemals von jemandem mitten in der Stadt so angelächelt geworden zu sein, ohne dass dem irgendein Ereignis, sei es eine Truppe Musiker, ein Sturz im Bus, ein verschütteter Becher Kaffee oder eine kurze Unterhaltung, vorangegangen war. Ich war also, um ehrlich zu sein, etwas überrumpelt, fühlte mich innerlich verstolpert. Denn das Lächeln war einfach da, aus der Luft gegriffen, in der Sekunde zwischen den Rolltreppen geboren und das ohne erkennbare Ursache und schlug bei mir dennoch wie ein Feuerwerkskörper ein.

Zweitens: Das Lächeln des Mädchens am Ende der Rolltreppe brachte mich dadurch durcheinander, dass sie mir direkt in die Augen sah und ich ihr in die Augen sah, sie jedoch erst ein paar Sekunden vorher überhaupt wahrgenommen hatten, und sie mit einem Mal, die Schultern zuckte und die Arme in die Luft warf und mich wie auf eine Antwort hoffend, ansah. So als ob sie ganz genau wüsste, wer ich bin, wovon ich träume und was mich ausmacht – und ich im Umkehrschluss all das auch über sie wissen würde. Das Mädchen sah nicht verzweifelt aus, auch nicht traurig oder niedergeschlagen. Es war etwas in ihren Augen, das nah an der Grenze zum Glück und gleichzeitig meilenweit davon entfernt war. Es war eine Entschuldigung, es war ein Scherz, es war Freude, Liebe und ohne jeden Sinn zugleich. Es war ein Lächeln. Einfach so, und wenn ich ehrlich bin, sogar nicht mehr und nicht weniger.

Ich weiß, dass das als Erklärung vielleicht nicht ganz ausreichen mag, aber da ich dir gegenüber ehrlich sein will, kann ich zugeben: So richtig verstehe ich das Lächeln, meine Gefühle, das Mädchen und die ganze Geschichte bis zum heutigen Tage nicht und werde all dies auch nie wirklich begreifen, aber noch oft drüber nachdenken und die Erinnerung an diesen einen Augenblick in mir aufbewahren wie ein besonders kostbares Stück Strandgut in einem Marmeladenglas.

Und so verschwand, als ich die Rolltreppe betrat, das Mädchen aus meinem Blickfeld. Ich ging nicht zu ihr hin, ich fragte sie nicht nach dem Lächeln, ich erzählte ihr nichts von all dem, was mir in den letzten Sekunden durch den Kopf gegangen war. Alles was ich tat, war über meine letzte Beobachtung nachzudenken: Ich sah das Mädchen sich zur Rolltreppe umdrehen und erhaschte noch kurz den Blick auf einen jungen Mann, der in dem Moment, an den anderen Passanten vorbei, das Ende der Rolltreppe erreichte, den Blick auf den Boden gerichtet, im Versuch nicht zu stolpern. Ich blinzelte – ein Fehler – und dachte dann: Vielleicht hat sie auf ihn gewartet. Aber auch: Warum hat sie dann gelächelt? Und als letztes: Warum, ja, warum hat sie mit den Schultern gezuckt?

Ein paar Augenblicke später, als wir ein Drittel der Strecke nach unten hinter uns gebracht hatten und man den roten Regionalexpress bereits auf Gleis Zwei einfahren sah, holte S. mich wieder ein. Sie stellte sich zwei Stufen hinter mich, grinste keck und wir fuhren den Rest der Rolltreppe gemeinsam nach unten.

„Du flirtest ja rum“, sagte sie. „Sie hat angefangen“, sagte ich, den Blick auf den Bahnsteig vor uns gerichtet. Ein wenig aus der Bahn geworfen.

* * *

Weshalb schreibt man manche Dinge sofort auf und andere erst eine Woche später? Woher kommt dieser Abstand, warum entsteht er? Was sorgt dafür, dass man Abstand zu einem Ereignis gewinnen muss, um es zu Papier zu bringen? Zuerst habe ich gedacht, es sei nicht von Bedeutung wann ich diese Geschichte aufschreiben würde. Doch dann wurde mir klar, dass ich den Juli nicht ziehen lassen kann, ohne es getan zu haben und man manche Texte erst schreiben kann, wenn die Erkältung gelandet und das Fieber angekommen ist; und so ist es dann gekommen.

“I don’t know about my dreams / I don’t know about my dreaming any more / All that I know is / I’m falling, falling, falling / Might as well fall in.”— James Blake, The Whilhelm Scream

Ich stehe gerne zwischen den Dingen und mag gleichzeitig Dinge, die zwischen den Dingen stehen. Da trifft es sich ganz gut, dass ich diese Woche in der Nacht von Montag zu Dienstag mal wieder genau über solch ein Ding gestolpert bin. Spätabends im Fernsehen. Über ein Juwel – ein echtes! Auch wenn das vielleicht abgedroschen klingt.

Ein Dokumentarfilm, der keiner ist, mit einer Geschichte, die eine Geschichte erzählt, die gar nicht die Geschichte ist, die eigentlich erzählt werden sollte und irgendwie aber doch. Das klingt merkwürdig, ist es aber gar nicht. Denn man kann es nachlesen und ist danach bloß noch verliebter in Giacomos Sommer L’Estate di Giacomo.

Versucht man nun etwas Unmögliches und bricht diesen Film auf das herunter, was ihn am Ende ausmacht, liest sich das ungefähr so, wie es auch in einer schmalen Spalte meiner Programmzeitschrift stand:

Der gehörlose 19-jährige Giacomo und seine Freundin Stefania wandern an einem Sommertag im Norden Italiens einen Fluss entlang und suchen einen Picknickplatz. Eine Geschichte von Liebe und Erwachsenwerden von Alessandro Comodin.

Daneben ein Foto, klein, eher winzig und nicht viel größer als eine Briefmarke: Ein Junge und ein Mädchen sitzen an einem schmalen Strand, umgeben von Hügeln. In der Ferne sieht man Bäume. Der Junge und das Mädchen tragen Badesachen, sitzen nebeneinander und doch voneinander abgewandt. Das Mädchen schaut auf ihre Knie. Er spielt mit den Händen im Sand, dreht ihr den Rücken zu und blickt zu den Hügeln. Am Horizont ist keine Wolken zu sehen, der Himmel strahl hellblau und die Sonne scheint nachmittagsträge hinunter.

Es hat ungefähr fünf Sekunden gedauert, bis mir klar war, dass ich mir diesen Film ansehen werde. Und so kam es. Und er war super, die Zeit stand still und ich saß nicht mehr länger müde auf dem Boden vor unserem alten Fernseher, sondern zog mir die Schuhe aus und ging mehrere Minuten barfuss einen Trampelpfad entlang, bis ich an einer Bucht ankam, ins Wasser watete, mich auf einen morschen Ast setzte und zwei Freunden dabei zusah, wie sie sich mit Schlamm bewarfen, bis einer von beiden was ins Auge bekam.

Es kommt vor, das man nach solchen Filmen einen Kloß im Hals kriegt oder melancholisch wird und sich gescheitert ins Bett verkriecht, es kann aber auch ganz anders kommen – nämlich so, dass man euphorisiert Schlafen geht und den Rest der Woche immer wieder an Worte aus dem Film und an das eine Gefühl denken muss, das man mit Giacomo und Stefania und später auch mit Rebecca geteilt hat: „So ist das Leben. Habe ich nicht recht? Für Alle. So ist das Leben. Oder nicht?“.

* * *

In Frankreich läuft dieser wirklich großartige Film zur Zeit sogar im Kino an, den Trailer dazu findet man am oberen Ende dieses Eintrags oder hier und meine Lieblingsszene als Filmausschnitt großartiger Weise auch (beides leider nur mit französischen Untertiteln). Bei uns lief Giacomos Sommer auf arte im Fernsehen und dort kann man ihn sich momentan auch noch mit deutschen Untertiteln in der Mediathek ansehen – ich weiß allerdings nicht, für wie lange noch.

Also beeilt euch. Es lohnt sich.

Ich bin zwar nicht sonderlich gut darin übers Meer zu schreiben und schreibe bloß noch schlechter über Musik, aber eins weiß ich trotzdem: So wie der Sommer schön ist, hören manche Songs nie auf super zu sein. Stattdessen werden sie bei jedem erneuerten Hören, noch viel großartiger als sie meist ohnehin schon waren.

Das in zwei Sätze so auszuformulieren ist allerdings keine große Kunst, sondern vielmehr etwas, das sowieso jeder weiß, wertschätzt und gerne bei Nacht zur unumstößlichen Wahrheit umformuliert. Aber trotzdem es ist okay, es wieder und wieder zu sagen oder aufzuschreiben. Genauso wie es okay ist, die ganze Zeit ans Meer zu wollen, zurück zum Ozean. Hin zum Wind, zum Sand, zu den Steinen, zu den Dünen und zu allem drum und dran. Wenn man Pommes essend an der Promenade sitzt und den Möwen beim fliegen, den Segelschiffen beim segeln und den Leuten beim Burgen bauen aussieht, fühlt es sich jedes Mal ein bisschen so an wie nach Hause zu kommen. Und jede Welle, die einem die Füße überspült, ist wie ein neuer Gedanke, eine neue Idee, die kommt und wieder geht und sich verläuft im großen Wasser. Bis der Blick auf den Horizont einen wieder auf den Boden zurück holt und man Salzwasser schluckend in die Brandung rennt, mit dem Kopf untertaucht und dem Rauschen erliegt.

Ich war noch nie am Atlantik, habe viel zu selten Sonnenbrand und bin noch nie mit einer Kamera in der Hand ins Meer gerannt, aber ich spüre:

Ich muss ans Meer ziehen.

“ich schau in mein gesicht und kenne es nicht / nur die wellen kennen es und wollten es nicht / wenn keiner auf mich wartet wartet das meer / es kühlt mir mein fieber was will ich denn mehr” — Albert Ostermaier, sebastian

Manchmal gleicht die Atempause zwischen Zähneputzen und dem Moment, in dem man endlich einschläft, den Sekunden zwischen dem Erklimmen der Stufen eines Fünf-Meter-Turms und dem Sprung ins kalte Nass. Unwillkürlich hält man dort oben die Luft an, krallt sich mit den Zehen an der Betonkante fest, schaut auf die verschwommene Wasseroberfläche, sieht die Sonne über sich, sieht die Menschen auf den Wiesen im Freibad, hört ihre Stimmen, spürt die Blicke der anderen im Nacken, zählt leise bis zehn, schreit vielleicht (kurz) auf, rudert mit dem Armen und taucht ab.

Die flüchtigen Minuten dieser Atempause verbringe ich neuerdings mehr und mehr damit Texte übers Schreiben für die Uni zu lesen. Texte, die gar nicht mal so uninteressant sind, sich auch nicht schlecht lesen und auf eigenartige Weise irgendetwas in meinem Sprachempfinden wach zu kitzeln scheinen. Von einen Augenblick auf den anderen fangen Sätze damit an, sich vor meinem geistigen Auge zu einem Manuskript zusammen zu schichten. Silbe reiht sich an Silbe, Worte an Wort. Ein Bild entsteht. Und irgendwo tickt ein Wecker, zeigt ein Uhr achtundfünfzig. Plötzlich sind die Gedankenfetzen des Tages, ja, sogar die der letzten Wochen, nicht mehr flüchtig, sondern klebrig wie Kleister und lassen sich mit der Konsistenz von frisch gerührtem Kuchenteig aneinanderheften. Ein Stift wird aus der Federtasche gekramt, der neue Schreibblock ganz hinten aufgeschlagen, die Hand mit Tinte beschmiert. Kaum ein Satz wird umgeschrieben oder durchgestrichen. Warum eigentlich nur nachts? frage ich mich, doch mein Kopf bleibt mir die Antwort schuldig. Wie so oft. Wie fast immer. Bald ist eine Seite voll. Die Schrift ist klein, beinahe unleserlich und einzelne Worte sind verwischt, verteilen sich wie Schaumkronen über das helle Papier.

Ich schüttele meine Hand aus, atme auf. Das Schreibwerkzeug wird beiseite gelegt, der Text kurz einige Male überflogen. Wird er morgen früh auch noch lesbar sein? Vermutlich nur die Hälfte. Er liest sich wie eine Erzählung ohne Anfang und ohne Ende, und vielleicht noch nicht wie einmal eine richtige Geschichte; aber immerhin – er liest sich. Und so wird der Block neben den Stift und ein kleiner Stapel Papier oben drauf gelegt. Die Ecken schließen bündig ab. Was folgt, ist ein kurzes Innehalten und das zaghafte Blättern in ein paar Seiten des Romans, der gerade auf dem Nachttisch liegt, bevor ich den danebenstehenden CD-Player einschalte um Radio oder ein Hörbuch zu hören. Ich drehe mich auf die Seite. Abgesehen von Bier in klaren Nächten, zu viel Sport und dem richtigen Augenblick habe ich noch keinen besseren Weg gefunden, der einen ebenso angenehm müde machen kann. Irgendwann nach zehn bis fünfzehn Minuten, nachdem sich der Strudel meiner Gedanken langsam wieder beruhigt hat und ich mehr und mehr in das warme Wasser meiner eigenen Müdigkeit eintauche, bin ich auch schon eingeschlafen.

Seit ich vom Bildschirm wieder in Teilen aufs Papier umgestiegen bin, fallen viele Dinge leichter – vielleicht nur zufällig, vielleicht aber auch nicht. Denn seit einer Weile versuche ich mich nun schon daran, dieses eine, ganz bestimmte Gefühl in Worte zu verpacken. Und das Merkwürdige ist – und abgekämpft wie ich bin, kann ich nicht mal sagen wieso – sie kommen die Worte! Jeden Tag mehr. Nie viele auf einmal, aber doch genügend und so, dass ich dann und wann noch ein bisschen mehr an meinen Geschichten feilen, sie umdichten, variieren, an ihnen basteln kann – ohne sie, ohne ihren Kern, ohne das Gefühl dahinter zu verändern. Bis sie so vielleicht irgendwann fertig sind.

“Überdrüssig aller, die mit Worten, Worten, aber keiner Sprache daherkommen, / fuhr ich zu der schneebedeckten Insel. / Das Wilde hat keine Worte. / Die ungeschriebenen Seiten breiten sich nach allen Richtungen aus! / Ich stoße auf Spuren von Rehhufen im Schnee. / Sprache, aber keine Worte.” — Tomas Tranströmer, Im März ’79

Beruhigend zu wissen, dass es sie noch gibt – diese Momente in denen du das Gefühl bekommst für einen kurzen Augenblick fünf bis zehn Zentimeter über dem Boden zu schweben. Und ebenfalls beruhigend, dass sie dieses eine Mal, anders als sonst immer, nicht völlig aus der Luft gegriffen und von einen Moment auf den anderen kommen, sondern so, dass du mehr und mehr merkst, was da plötzlich mit dir passiert. Überrascht bist du natürlich trotzdem, aber weniger des Gefühls als der Umstände wegen. Und die Kombination aus beidem überrumpelt dich dann irgendwie erst recht von einem Wimpernschlag auf den anderen – aber dieses Überrumpeltwerden lässt du zu, genießt es oder bildest es dir zumindest ein.

Und du denkst im Nachhinein daran, wie dein erster Gedanke ganz eindeutig „Wow!“ war; doch nachts sitzt du dann da, mit müdem Beinen, wachem Verstand und dem ersten Mückenstich des Jahres, denkst über das nach, was danach passiert ist und fragst dich … „Was war das denn jetzt?“. Und bist für eine Weile unerwartet wieder da, wo du lange, lange nicht mehr warst – nicht mit vollem Herzen, und wo sich das große Ganze aber so gut anfühlt. Klar bist du dir im ersten Moment nicht sicher ob und wie lange dein Kopf in den Wolken verweilen wird, aber du weißt auch: Du baust keine Luftschlösser mehr, du bist auf Sand umgestiegen. Und sollten deine Gedanken in drei Tagen wieder klarer sein und deine Burg von den Wellen überspült werden, dann ist das eben so: Irgendwann kommt immer die Flut, nimmt einen mit. Und wenn nicht, weißt du, dass das auch in Ordnung ist. Du folgst dem Motto: “Nobody is ever going to have courage for you. That’s one thing you have to find and gain for yourself.”

* * *

Wenn man rausgefunden hat, dass es viel einfacher ist, Hindernissen nicht mehr als ein paar Sekunden Aufmerksamkeit zu widmen und stattdessen einfach nur dahin zu fließen und zur Abwechslung mal an heute und nicht einzig und allein an morgen oder vorgestern zu denken, merkt man, wie die Dinge anfangen gut zu tun.
Und das ist echt okay so.