Warten

Bis spät in die Nacht vor einer weißen Seite gesessen und im Gedächtnis nach Worten gekramt. Viel gelesen, ohne ein Buch in die Hand zu nehmen. Trotz Müdigkeit nicht eingeschlafen. Irgendwann das Nachtlicht wieder angeschaltet und aufrecht hingesetzt, drei Kissen im Rücken und das ganze Bett zum Floß. Kurz ans Meer gedacht, dann auf den Fingernägeln gekaut, dich in Gedanken geküsst und danach den ersten Satz getippt. Ich habe seit drei Monaten kein Buch zu Ende gelesen. Vielleicht sollte ich es also mal wieder mit dem Schreiben probieren. Rede mir sogar ein, dass ich das hier täglich tun sollte. Und dass mir der Regen fehlt. Ich weiß, vielleicht ist das verrückt, aber wenn man nicht verrückt sein darf, was dann? Ich will mein Leben tanzen, nicht verstolpern – Hoffnung haben und durch Wolken fallen.

Die Nacht verklebt mir die Augen und ich denke an den Morgen. Irgendeinen Morgen. Ich merke, dass mir das Wasser bis zum Hals steht, atme aus und muss lächeln. Als ich gegen halb sechs vor die Tür trete, weht mir die Kühle der Großstadt entgegen. Mehr als zwei Millionen Menschen sind noch in ihren Betten. Die Straße hinunter verliert sich das Mosaik der wenigen erleuchteten Fenster langsam in der Ferne. Weil die Sturmflut auf sich warten lässt, gehe ich zurück in die Wohnung und setze Kaffee auf. Gegen Acht wird der Himmel die Sonne aus dem Ärmel schütteln und ich werde mir unter der Dusche die Haare raufen. Drei Stunden später werde ich die Bahn zur Uni nehmen, dabei zwei Mal umsteigen und dir einen guten Morgen wünschen. Mittags werde ich zurück unter die Decke kriechen und bis zum Abend schlafen. Ich weiß, dass du auch nicht durchgeschlafen hast und dass irgendwo in der Innentasche meiner Jacke noch eine Schmerztablette stecken muss. Auf der Kommode neben der Tür liegen Briefe, die ich zur Post bringen muss. Weißt du, wann die Zugvögel im Süden ankommen? Ich weiß es nicht. Aber sie kommen jedes Frühjahr zurück geflogen und bauen sich in Lappland ihre Nester in den Bergen.

Wenn ich mir mit den Zähnen auf die Zunge beiße, merke ich, dass mir die Worte fehlen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: