Sunset

Alle paar Wochen kommt es vor, dass ich wach daliege und aus dem Augenblick heraus damit beginne, Sätze aneinander zu reihen. Ich stelle mir dann gerne vor, dass mich am nächsten Morgen an den Computer setzen, ein leeres Word-Dokument öffnen und alles in meinem Kopf einfach niederschreiben werden. Weil man das nämlich so macht, wenn man jemandem etwas erzählen möchte. Glaube ich. Selbst wenn ich mir manchmal nicht mal mehr sicher bin, ob ich das tatsächlich irgendwo gelesen habe oder ob nicht doch einfach nur du mir irgendwann mal davon erzählt hast.

Und so liege ich dann da  mit meiner Unsicherheit, und murmele meine Gedanken im Flüsterton drei, vier Mal vor mich hin und höre auf mein Herz und das Geräusch der vorbeifahrenden Autos, bis ich unausweichlich zu dem Schluss komme, dass ich meine Sprache noch nicht gefunden habe.

Denn irgendwann habe ich mir mal eingeredet, dass man seine Sprache erst finden muss, bevor man mit dem Erzählen anfangen kann. Als wäre Sprache ein Fünf-Cent-Stück zwischen zwei Pflastersteinen vor der Grundschule, oder eine besonders schöne Vase im Schaufenster einer Berliner Seitenstraße, über die man erst noch stolpern wird. Auch dein ganz großes Lieblingsbuch wirst du im Regal nicht finden, weißt du? Es muss erst noch geschrieben werden. So wie ich mein vierblättriges Kleeblatt auf einer Wiese voller dreiblättrigen finden muss. Und wenn ich nur lange genug auf meiner Picknickdecke liegen bleibe und mit den Händen über das Gras fahre, dann wird auch alles wie von selbst seinen Lauf nehmen. Meine Sprache wird mich anspringen, mir in den Mund klettern und sich an genau der Stelle einnisten, an der es manchmal wehtut, wenn du fünf Minuten vorher eine Kopfschmerztablette gegen das Fieber geschluckt habe.

Aber ich weiß auch: Das alles wird so nie passieren und nachdem ich ausgerechnet habe, wie viele Stunden mir bis zum Morgen noch bleiben, versickern die Worte im Schlaf in mein Kopfkissen und mit den ersten Sonnenstrahlen rauscht die Dusche und ich fahre mit dem Rad zum Bahnhof. Das Buch in meinem Rucksack hole ich nur jeden zweiten Tag hervor. Weil manchmal bin ich müde, manchmal stimmt die Musik nicht oder der Moment, kennst du das auch? Manchmal denke ich auch einfach nur zu viel an all die anderen Bücher, die sich neben meinem Sofa stapeln. Und ob ich sie jemals lesen werde.

So vergehen die Jahreszeiten und alle Gedanken ans Schreiben, das über 140 Zeichen hinausgeht, bleiben unter Deck in der Kabine: Bis zur nächsten Nacht ohne Schlaf, bis zum nächsten guten Film oder zur nächsten nächtlichen Umarmung über ein Fahrrad hinweg.

So geht das schon seit Jahren. Und ich weiß genau: Ich bin das Warten satt. Das Warten auf mich, auf den Text, auf die Sprache, auf die Worte, auf das kurze Klicken im Kopf und die gleichmäßige Bewegung der Fingerspitzen auf der Tastatur und das Warten auf all die anderen Sachen, von denen wir nur wissen, dass es so viele sind – ohne uns darüber im Klaren zu sein, welche von ihnen denn letztendlich zu den wirklich wichtigen Dingen gehören, zu den Dingen, die wir uns über Bett hängen und darunter einschlafen möchten.

Dabei muss ich vielleicht einfach nur die Tür aus den Angeln hängen und endlich damit aufhören, immer gleich die richtigen großen Worte für alles finden zu wollen. Denn das ist schwierig. Und braucht mehr Zeit, als ich mir im ersten Moment zu geben bereit bin. Ich weiß das. Und ich könnte versuchen, es einfach anders anzugehen. Aber es macht halt Spaß, immer gleich alles in Gold anmalen zu wollen. Und eigentlich mag ich ja Herausforderungen, meine Höhenangst zu überwinden und auf den fünfzehn Meter großen Baum zu klettern, als würde ich ein Brot mit Preiselbeermarmelade essen. Ich bin ein Gryffindor. Doch eigentlich ist es ja so, dass man nicht immer gleich ans Meer fahren muss, um mal wieder auszuatmen.

Oder?

Aber leider ist die Vorstellung, ans Meer zu fahren, halt so scheiße schön.

Sam: Why do you always use binoculars?

Suzy: It helps me see things closer. Even if they’re not very far away. I pretend it’s my magic power.

Sam: That sounds like poetry. Poems don’t always have to rhyme, you know. They’re just supposed to be creative.

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2 Kommentare
  1. Lydiii* sagte:

    Super Artikel, mir geht es so oft genauso. Ich habe auch immer gewartet und irgendwann angefangen. Vielleicht fällt es dir leichter, wenn du nicht darüber nachdenkst, ob es für jemanden interessant oder verständlich sein könnte. Und statt ein Buch mit in die Bahn zu nehmen, nimm ein Notizbuch mit und einen Stift – oder auch dein Handy und schreib alles auf – einfach alles. Aussortieren kannst du später immernoch. Es befreit auch.

    Liebe Grüße

  2. Addliss sagte:

    Ich gebe Lydiii Recht: Anfangen. Scheiß auf das Meer, du musst erstmal dort hinkommen! Und das passiert nicht einfach durch Beamen, sondern du musst auf dem Weg dorthin erst einmal in Fahrt kommen. Du musst losfahren, damit du irgendwann am Meer ankommst.

    Um es noch klarer zu sagen: Alle Dinge, die man so tut, die man meisterlich beherrschen kann, sind nicht Dinge, die man einmal tut und nie wieder. Das sind Dinge, die man regelmäßig tut und irgendwann findet man auch die großen Worte für das Überlieblingsbuch, das man schreibt. Aber die kommen nicht aus dem Nichts.

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