Like a waterfall in slow motion.

Ich eilte die Treppenstufen in die Eingangshalle hinunter. S. blieb neben mir zurück, saß auf der Rolltreppe fest, eingesperrt hinter einem breitschultrigen Mann mit schwarzem Aktenkoffer – der in meiner Erinnerung aber auch durch eine dreiköpfige Touristentruppe aus China oder Japan ersetzt werden könnte. Denn ganz genau weiß ich das nicht mehr, meine Erinnerung ist kein konkretes Bild, das solltest du wissen.

Was ich weiß ist, dass ich mit zehn bis fünfzehn Sekunden Vorsprung als Erster auf dem grauen Steinboden angekommen war. Zehn bis fünfzehn Sekunden, die mir die Chance gaben mich in der Eingangshalle des Hauptbahnhofs umzusehen. Über uns: Geschäfte, Laden, Schnellimbisse und ein paar Leute, die mit dem Armen übers Geländer gelehnt, zu uns nach unten schauten. Links von mir hatten die Menschen ihre Köpfe in den Nacken gelegt und versuchten auf einer großflächigen schwarzen Anzeigetafel für ankommende Züge, die Buchstaben zu entziffern, die ihnen den Weg nach Hause weisen würden. In der Nähe des Haupteingangs standen zwei Sicherheitsbeamte, wirkten müde, hatten die Lage im Blick. Ansonsten, kaum Menschen. Hier und da Infotafeln, vielleicht ein paar Vorbeieilende mit Rollkoffern und lockersitzenden Krawatten, aber vor allen Dingen war da ich. Vor der Freitreppe. Direkt hinter mir vielleicht drei, vier Menschen. Vor mir so gut wie niemand. Ich beschrieb mit den Füßen einen Bogen, wollte zu der Rolltreppe rechts von uns gelangen, die mich und S. nach unten, zu den Zügen, zum Gleis Zwei bringen sollte.

Als die Hälfte meiner Zeit verstrichen war, fiel mir das Mädchen auf.

Würde man erste Eindrücke in Nummern einteilen, wäre sie keine Zehn und auch keine Neun, aber eine Sieben, die in diesem einen Moment wie eine Zehn aussah. Sie wartete neben mir am Fußende der Rolltreppe, die von oben kam – wobei wartete etwas beschreibt, das mir eigentlich erst ein paar Augenblicke später klar wurde. Im Grunde stand sie nur da, mit einer Umhängetasche an der Seite und einer weiß-blauen Bluse oder einem Kleid, so genau kann ich das nicht mehr sagen, den Blick auf den Haupteingang gerichtet. Sie trug eine Brille, hatte braunes Haar und Locken. Als Dutt oder Offen? Ich bin mir nicht mehr sicher. Vielleicht trug sie ihre Haare mit einem Zopfgummi zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden – auch wenn das eigentlich nicht sein kann, denn ich würde einen Zehner darauf setzen, dass ihre Locken ihr Gesicht umrahmten wie ein Holzrahmen einen Monet. Und ja, ich weiß, du nimmst mir diesen Vergleich übel, weil er schwach, unverhältnismässig und nachträglich aus der Luft gegriffen ist. Doch Tatsache ist, dass ich das Bild des Mädchen, nicht mehr klar vor Augen habe und dass ich das, was mir meine Erinnerung erhalten hat, nur wage beschreiben kann – ganz so, wie man einen Monet nicht ganz fassen, ihn beim Worte nehmen und seiner Geschichte glauben kann.

Wenn ich an das Mädchen aus der Bahnhofshalle denke, denke ich an die Bewegung meiner Füße, die sie beschrieben, als ich sie sah – den Bogen, den ich ging, um zur Rolltreppe zu gelangen. Vermutlich tat ich in dem Moment nicht viel, außer meine Füße weiter in Richtung Rolltreppe zu bewegen und mir in meinem Kopf über die Eigentümlichkeit des Moments bewusst zu werden. Und was mir am eindringlichsten in Erinnerung geblieben ist, und sicher kennst du diese Bewegung, ist das Langsamer-Werden beim Erreichen der Rolltreppe, das Tasten der Füße nach Halt, bevor man die sich bewegende Plattform betritt und von einem Augenblick auf den anderen dazu gezwungen ist innezuhalten. Es war ziemlich genau drei, vier Sekunden vorher, dass mich das Mädchen am Fuße der Rolltreppe ebenfalls bemerkt haben musste, mich ansah, die Schultern zuckte und breit lächelte.

Sie zog die Schultern hoch und warf die Arme in die Luft wie jemand, der sich entschuldigen möchte oder wie jemand, der sich nicht sicher ist, ob er der Einzige ist, der die Komik des Momentes erkannt hat und beschließt durch ein Lächeln auf den Lippen nachzufragen. Ich erinnere mich an keinerlei Geräusche mehr – vielleicht, weil Bahnhöfe es an sich haben, mit ihrer Geräuschkulisse aus quietschenden Zügen, Lautsprecherdurchsagen und wilden Gesprächen aus allen Seiten, das ein oder andere zu übertonen. Doch es mag auch an dem lautem Wirrwarr meiner eigenen Gedanken liegen, dass sich das ganze lautlos zugetragen haben scheint. Das Mädchen sah mich an und ich sah sie an und ich muss wohl verwirrt ausgesehen haben, mindestens zögerlich, den eine impulsive Reaktion meinerseits, blieb aus – was ich bis heute nicht verstehe. Das Lächeln, das uns verband, war eins vom Ende einer Rolltreppe zum Anfang einer Rolltreppe. Es war ein freundschaftliches Lächeln und in gewisser Weise nicht nur liebevoll, sondern – so viel rede ich mir ein – etwas, das echter Liebe ziemlich nahe kommen muss und das gleichzeitig – und dessen bin ich mir wieder sicher – jedoch gar nicht an mich gerichtet war, sondern stattdessen auf etwas abgezielt hat, von dem ich bis heute keine Ahnung habe, was es gewesen sein könnte. Was, natürlich, durch und durch verrückt klingt.

Und du wirst dich fragen, wie man von einem fremden Mädchen in der Eingangshalle schulterzuckend angelacht werden und dass dann Liebe nennen kann? Ich werde dir auf diese Frage keine Antwort geben können, die dich ohne Zweifel zurück lässt, aber ich werde dennoch versuchen, dir das zu erklären, was mir in diesem Augenblick von weniger als einer Zehntelsekunde klar wurde. Erstens: Ich konnte mich nicht daran erinnern, jemals von jemandem mitten in der Stadt so angelächelt geworden zu sein, ohne dass dem irgendein Ereignis, sei es eine Truppe Musiker, ein Sturz im Bus, ein verschütteter Becher Kaffee oder eine kurze Unterhaltung, vorangegangen war. Ich war also, um ehrlich zu sein, etwas überrumpelt, fühlte mich innerlich verstolpert. Denn das Lächeln war einfach da, aus der Luft gegriffen, in der Sekunde zwischen den Rolltreppen geboren und das ohne erkennbare Ursache und schlug bei mir dennoch wie ein Feuerwerkskörper ein.

Zweitens: Das Lächeln des Mädchens am Ende der Rolltreppe brachte mich dadurch durcheinander, dass sie mir direkt in die Augen sah und ich ihr in die Augen sah, sie jedoch erst ein paar Sekunden vorher überhaupt wahrgenommen hatten, und sie mit einem Mal, die Schultern zuckte und die Arme in die Luft warf und mich wie auf eine Antwort hoffend, ansah. So als ob sie ganz genau wüsste, wer ich bin, wovon ich träume und was mich ausmacht – und ich im Umkehrschluss all das auch über sie wissen würde. Das Mädchen sah nicht verzweifelt aus, auch nicht traurig oder niedergeschlagen. Es war etwas in ihren Augen, das nah an der Grenze zum Glück und gleichzeitig meilenweit davon entfernt war. Es war eine Entschuldigung, es war ein Scherz, es war Freude, Liebe und ohne jeden Sinn zugleich. Es war ein Lächeln. Einfach so, und wenn ich ehrlich bin, sogar nicht mehr und nicht weniger.

Ich weiß, dass das als Erklärung vielleicht nicht ganz ausreichen mag, aber da ich dir gegenüber ehrlich sein will, kann ich zugeben: So richtig verstehe ich das Lächeln, meine Gefühle, das Mädchen und die ganze Geschichte bis zum heutigen Tage nicht und werde all dies auch nie wirklich begreifen, aber noch oft drüber nachdenken und die Erinnerung an diesen einen Augenblick in mir aufbewahren wie ein besonders kostbares Stück Strandgut in einem Marmeladenglas.

Und so verschwand, als ich die Rolltreppe betrat, das Mädchen aus meinem Blickfeld. Ich ging nicht zu ihr hin, ich fragte sie nicht nach dem Lächeln, ich erzählte ihr nichts von all dem, was mir in den letzten Sekunden durch den Kopf gegangen war. Alles was ich tat, war über meine letzte Beobachtung nachzudenken: Ich sah das Mädchen sich zur Rolltreppe umdrehen und erhaschte noch kurz den Blick auf einen jungen Mann, der in dem Moment, an den anderen Passanten vorbei, das Ende der Rolltreppe erreichte, den Blick auf den Boden gerichtet, im Versuch nicht zu stolpern. Ich blinzelte – ein Fehler – und dachte dann: Vielleicht hat sie auf ihn gewartet. Aber auch: Warum hat sie dann gelächelt? Und als letztes: Warum, ja, warum hat sie mit den Schultern gezuckt?

Ein paar Augenblicke später, als wir ein Drittel der Strecke nach unten hinter uns gebracht hatten und man den roten Regionalexpress bereits auf Gleis Zwei einfahren sah, holte S. mich wieder ein. Sie stellte sich zwei Stufen hinter mich, grinste keck und wir fuhren den Rest der Rolltreppe gemeinsam nach unten.

„Du flirtest ja rum“, sagte sie. „Sie hat angefangen“, sagte ich, den Blick auf den Bahnsteig vor uns gerichtet. Ein wenig aus der Bahn geworfen.

* * *

Weshalb schreibt man manche Dinge sofort auf und andere erst eine Woche später? Woher kommt dieser Abstand, warum entsteht er? Was sorgt dafür, dass man Abstand zu einem Ereignis gewinnen muss, um es zu Papier zu bringen? Zuerst habe ich gedacht, es sei nicht von Bedeutung wann ich diese Geschichte aufschreiben würde. Doch dann wurde mir klar, dass ich den Juli nicht ziehen lassen kann, ohne es getan zu haben und man manche Texte erst schreiben kann, wenn die Erkältung gelandet und das Fieber angekommen ist; und so ist es dann gekommen.

“I don’t know about my dreams / I don’t know about my dreaming any more / All that I know is / I’m falling, falling, falling / Might as well fall in.”— James Blake, The Whilhelm Scream

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2 Kommentare
  1. ich mag die geschichte!

    „Und du wirst dich fragen, wie man von einem fremden Mädchen in der Eingangshalle schulterzuckend angelacht werden und dass dann Liebe nennen kann?“
    ich werde es nicht fragen, denn ich weiß genau, wie du es meinst.

    [nur das mit den menschen in nummern einteilen, da sträuben sich meine haare.]

  2. Schöne Geschichte. =) Ich fühle mich gerade, als wäre ich selbst angelächelt worden. Danke dafür =).

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