Caramelized

Manchmal gleicht die Atempause zwischen Zähneputzen und dem Moment, in dem man endlich einschläft, den Sekunden zwischen dem Erklimmen der Stufen eines Fünf-Meter-Turms und dem Sprung ins kalte Nass. Unwillkürlich hält man dort oben die Luft an, krallt sich mit den Zehen an der Betonkante fest, schaut auf die verschwommene Wasseroberfläche, sieht die Sonne über sich, sieht die Menschen auf den Wiesen im Freibad, hört ihre Stimmen, spürt die Blicke der anderen im Nacken, zählt leise bis zehn, schreit vielleicht (kurz) auf, rudert mit dem Armen und taucht ab.

Die flüchtigen Minuten dieser Atempause verbringe ich neuerdings mehr und mehr damit Texte übers Schreiben für die Uni zu lesen. Texte, die gar nicht mal so uninteressant sind, sich auch nicht schlecht lesen und auf eigenartige Weise irgendetwas in meinem Sprachempfinden wach zu kitzeln scheinen. Von einen Augenblick auf den anderen fangen Sätze damit an, sich vor meinem geistigen Auge zu einem Manuskript zusammen zu schichten. Silbe reiht sich an Silbe, Worte an Wort. Ein Bild entsteht. Und irgendwo tickt ein Wecker, zeigt ein Uhr achtundfünfzig. Plötzlich sind die Gedankenfetzen des Tages, ja, sogar die der letzten Wochen, nicht mehr flüchtig, sondern klebrig wie Kleister und lassen sich mit der Konsistenz von frisch gerührtem Kuchenteig aneinanderheften. Ein Stift wird aus der Federtasche gekramt, der neue Schreibblock ganz hinten aufgeschlagen, die Hand mit Tinte beschmiert. Kaum ein Satz wird umgeschrieben oder durchgestrichen. Warum eigentlich nur nachts? frage ich mich, doch mein Kopf bleibt mir die Antwort schuldig. Wie so oft. Wie fast immer. Bald ist eine Seite voll. Die Schrift ist klein, beinahe unleserlich und einzelne Worte sind verwischt, verteilen sich wie Schaumkronen über das helle Papier.

Ich schüttele meine Hand aus, atme auf. Das Schreibwerkzeug wird beiseite gelegt, der Text kurz einige Male überflogen. Wird er morgen früh auch noch lesbar sein? Vermutlich nur die Hälfte. Er liest sich wie eine Erzählung ohne Anfang und ohne Ende, und vielleicht noch nicht wie einmal eine richtige Geschichte; aber immerhin – er liest sich. Und so wird der Block neben den Stift und ein kleiner Stapel Papier oben drauf gelegt. Die Ecken schließen bündig ab. Was folgt, ist ein kurzes Innehalten und das zaghafte Blättern in ein paar Seiten des Romans, der gerade auf dem Nachttisch liegt, bevor ich den danebenstehenden CD-Player einschalte um Radio oder ein Hörbuch zu hören. Ich drehe mich auf die Seite. Abgesehen von Bier in klaren Nächten, zu viel Sport und dem richtigen Augenblick habe ich noch keinen besseren Weg gefunden, der einen ebenso angenehm müde machen kann. Irgendwann nach zehn bis fünfzehn Minuten, nachdem sich der Strudel meiner Gedanken langsam wieder beruhigt hat und ich mehr und mehr in das warme Wasser meiner eigenen Müdigkeit eintauche, bin ich auch schon eingeschlafen.

Seit ich vom Bildschirm wieder in Teilen aufs Papier umgestiegen bin, fallen viele Dinge leichter – vielleicht nur zufällig, vielleicht aber auch nicht. Denn seit einer Weile versuche ich mich nun schon daran, dieses eine, ganz bestimmte Gefühl in Worte zu verpacken. Und das Merkwürdige ist – und abgekämpft wie ich bin, kann ich nicht mal sagen wieso – sie kommen die Worte! Jeden Tag mehr. Nie viele auf einmal, aber doch genügend und so, dass ich dann und wann noch ein bisschen mehr an meinen Geschichten feilen, sie umdichten, variieren, an ihnen basteln kann – ohne sie, ohne ihren Kern, ohne das Gefühl dahinter zu verändern. Bis sie so vielleicht irgendwann fertig sind.

“Überdrüssig aller, die mit Worten, Worten, aber keiner Sprache daherkommen, / fuhr ich zu der schneebedeckten Insel. / Das Wilde hat keine Worte. / Die ungeschriebenen Seiten breiten sich nach allen Richtungen aus! / Ich stoße auf Spuren von Rehhufen im Schnee. / Sprache, aber keine Worte.” — Tomas Tranströmer, Im März ’79

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2 Kommentare
  1. eFrane sagte:

    Ich möchte eigentlich nicht sagen, dass an diesem oft zitierten write drunk, edit sober etwas dran ist, aber dennoch bin ich sicher, dass zumindest ein in diese Phrase hinein interpretierbares abends schreiben und frühestens am nächsten Tage, wenn überhaupt, editieren (auch lesen) sehr wahr ist. Ich für meinen Teil habe es mir zumindest abgewöhnt, Texte zu lesen, nachdem ich sie schrieb und dieses Nachlesen weiter in die Zukunft geschoben. Immer in eine Zukunft, die – allein von den äußeren Umständen her – möglichst eine etwas andere Sicht auf die Dinge erzwingt.

    • Nik sagte:

      Ehrlich gesagt musste ich den Kommentar drei Mal lesen um zu verstehen, worauf du hinaus willst. Aber was ich dazu sagen ist: Ich schreibe nie drunk, sondern immer sober. Trotzdem lese ich die Texte sowohl nach dem Schreiben als auch „in der Zukunft“ noch mal. Handschriftlich verfasste ändere ich danach aber eigentlich nie, nur an getippten Texten bastele ich herum – vielleicht einfach der Möglichkeiten wegen, vielleicht sogar nur aus Gewohnheit. In jedem Fall aber mit einer, wie du es nennst, „anderen Sicht auf die Dinge“ – auch wenn die natürlich mal besonders stark und mal eher weniger anders ausgeprägt ist.

      Vielleicht schreibe ich auch zu wenig, um Texte einfach „stehen lassen“ zu können. Und vielleicht, ja vielleicht, bin ich einfach nie drunk genug.

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